Kritik von Silvia Bahl | Programmkino.de | 5. September 2018
Der Medienkulturwissenschaftler Hans Puttnies nutzt Aufnahmen seiner eigenen Reise nach Palmyra vor zehn Jahren als Ausgangspunkt für einen filmischen Essay. Der Film hinterfragt sowohl die vermeintliche Objektivität der Geschichtswissenschaft als auch westliche kulturelle Vorstellungen des Orients, die von kolonialistischen Fantasien geprägt sind.
Palmyra diente lange Zeit dem Mythos der untergegangenen Stadt. Als Teil des Römischen Reiches und Grenzprovinz wurde die Stadt durch Handelswege wohlhabend. Sie beherbergte Tempelanlagen von einzigartiger kultureller Vielfalt, über deren genaue Zwecke wenig gesichertes Wissen besteht.
Puttnies zeigt in seinen Kommentaren seine archäologische Faszination, bricht diese aber kritisch mit Verweisen auf die Gegenwart auf. Die antike Periode bildet nur einen kleinen Teil der Geschichte. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel Syrien unter französisches Protektorat; die arabische Bevölkerung wurde zwangsumsiedelt, um Ausgrabungen für den Louvre zu ermöglichen. Die nahe gelegene Siedlung Tadmor beherbergte später das größte Foltergefängnis des Assad-Regimes, in dem schätzungsweise 20.000 Menschen starben.
Der Film kontextualisiert verschiedene Zeitschichten und zeigt mit einfachen filmischen Mitteln, wie solch ein fantasmatischer Ort in kulturellen Vorstellungen entsteht und durch Wissenschaft beglaubigt wird. Puttnies verlässt sich auf die indexikalische Kraft von Fotografie und Film, die sich den Sehnsuchtsbildern der eurozentrischen Kunstgeschichte entgegenstellen.
Der amateurhafte Reportage-Charakter könnte professioneller ausfallen, schadet dem informativen Gehalt aber nicht. Puttnies assembliert sein vielfältiges Material in sieben Kapiteln durch seinen hellsichtigen Kommentar, dessen kulturwissenschaftliche Perspektive in aktuellen Debatten von großer Bedeutung ist.
Deutschland 2017 | Regie: Hans Puttnies | 90 Minuten | Verleih: Kairos Filmverleih
