Kritik von Felix Bartels | Neues Deutschland | 3. September 2018
Ein Essayfilm sei das Werk, heißt es ehrlicherweise, denn breiten Raum nehmen die Worte des Autors ein. Die Genrebezeichnung scheint gegen mögliche Einwände vorzubauen, da heute allgemein vom Dokumentarfilmer erwartet wird, dass er sich hinter das Gezeigte zurückziehe. Diese Objektivität ist aber selbst bloß Schein, da es kein Arrangement ohne Intention gibt – und das ist treffenderweise zugleich, wovon „Palmyra“ handelt: Wie viel Konstruktion und Fälschung liegt in der Herstellung des Authentischen?
Es geht um Steine, jene Ruinen von Palmyra, die 2015 von Truppen des Islamischen Staats zu Teilen zerstört wurden. Der Dokumentarfilmer Hans Puttnies will die Zerstörung der Grabstätten als Etappe eines viel längeren Vernichtungsprozesses zeigen. Er hat die Ruinen ein paar Jahre vor ihrer Zerstörung gefilmt. Durch den Bürgerkrieg ist aus dem vorhandenen Material ein anderer Film entstanden. Die Geschichtsschreibung wurde von der Geschichte eingeholt.
Wie fast alle Archäologie stand auch die Bemühung um Palmyra im Zusammenhang kolonialer Politik. Der Erhalt der Ruinen war verbunden mit der Vernichtung „gewachsener arabischer Geschichte“ – der Sprengung umgebender Bauten sowie der Umsiedlung aller dortigen Bewohner im Jahr 1930.
Der Film dekonstruiert die Idee des Weltkulturerbes, indem er zeigt, dass die Attitüde des Bewahrens ebenso auf Zerstörung beruht; die Idee eines antiken Kulturguts erweist sich als abstrakt und nachträglich konstruiert. Die Ermordung des syrischen Archäologen Khaled Asaad wird kritisch beleuchtet, ohne ihn dabei zu verklären.
Die Menschen schweigen wie die Steine, oder sie reden und man hört nicht, was sie sagen. Denn über allem liegt die Musik oder die Stimme des Autors. Lange Zeit wirkt dieser Essay wie ein Stummfilm, Tonspur und Bildspur gehen getrennt. Die letzte Sequenz gehört ganz einem jener Menschen, die dort leben und unmittelbar betroffen sind.
Deutschland 2017 | Regie und Drehbuch: Hans Puttnies | 90 Min.
