Kritik von Bianka Piringer | kino-zeit.de | 25. Juli 2018
Der Dokumentarfilmer Hans Puttnies besuchte die antike Stadt Palmyra in Syrien 2008 mit seiner Kamera. Sein 2017 fertiggestellter Essayfilm verfolgt nicht nur die Absicht, das frühere Antlitz der Ruinenstadt zu überliefern, sondern hinterfragt auch den westlichen Kulturbegriff kritisch.
Das westliche Interesse an Palmyra, das einst zum römischen Reich gehörte, setzte im 18. Jahrhundert mit Forschungsexpeditionen ein. Um systematische Ausgrabungen für europäische Museen zu erleichtern, wurden die Bewohner Palmyras umgesiedelt und die nahegelegene Stadt Tadmor gegründet. Puttnies kritisiert das einseitig auf die geistige Rekonstruktion der Antike ausgerichtete Erkenntnisinteresse westlicher Forscher.
Der Film zeigt, dass frühe Bewohner etwa 60 Gottheiten kannten, doch außer Säuleninschriften existieren kaum schriftliche Zeugnisse des Alltagslebens. Die wunderschönen Torbögen verraten nicht, dass Christen und später Muslime ihre Gotteshäuser in den Tempeln errichteten, noch erzählen sie von Menschen, die ohne geschichtliche Spuren hinterlassen zu haben hier lebten.
Während des Drehs lernte Puttnies den 15-jährigen Beduinen Mohamad kennen, einen Souvenirverkäufer. Dem Presseheft zufolge wurde dieser später vom IS gefoltert, gelang aber die Flucht nach Dänemark.
Der Film nutzt IS-Propagandavideos, die sowohl die Zerstörung Palmyras als auch tödliche Grausamkeiten dokumentieren. Puttnies verzichtet weitgehend auf Originalton und nutzt stattdessen seinen nachdenklichen Voice-Over-Kommentar und experimentelle elektronische Musik. Diese Gestaltungswahl schafft Distanz zum Objekt und signalisiert, dass es in der Betrachtung verfremdet wird.
Allerdings bricht der Film nicht vollständig mit der westlichen Traditionslinie. Menschen werden selten ins Visier genommen; außer Mohamad kommt kein Einheimischer zu Wort. Puttnies spricht über Menschen, nicht mit ihnen, wodurch die Chance vertan wird, den Ort als lebendige Umgebung zu zeigen. Mit der Betonung des Essayistischen verweist er auf die Subjektivität und Lückenhaftigkeit seines kontemplativen kulturgeschichtlichen Ausflugs.
Im Sommer 2015 zerstörten die Terrormilizen des „Islamischen Staates“ die berühmten Tempel von Palmyra. Danach bombardierte das Assad-Regime die direkt daneben liegende moderne Stadt Tadmor und machte die Familien, die von den Denkmälern gelebt hatten, zu Flüchtlingen in Europa.
